NNeunkirchen, irgendwann in den Jahren des großen Bergbaus. Zwei Bergleute verlassen nach der Spätschicht die Grube und machen sich zu Fuß auf den Heimweg – fast fünfzehn Kilometer durch den nächtlichen Wald, entlang einer alten Grubenbahntrasse. Eine Strecke, die sie kennen. Die sie hundert Mal gegangen sind. Der Stollen, zu dem die Gleise führen, ist seit Jahren stillgelegt. Kein Mensch fährt mehr dort. Kein Licht, kein Lärm. Und doch – plötzlich ein Rollen. Ein Quietschen. Das vertraute Mahlen von Metall auf alten Schienen. Ein Zug taucht aus der Dunkelheit auf und hält an. Aus den Loren steigen Männer. Schwarz gekleidet, Hacken auf der Schulter – wie Bergleute. Aber ihre Gesichter sind weiß wie Kalk. Kein Wort, kein Laut. Nur Augen, die die beiden Männer anschauen. Dann setzen sie sich in Bewegung, eine lange, stumme Reihe, und verschwinden in dem Stollen, der dunkel und verlassen dalag. Einer der Bergleute dreht sich um und rennt. Er weiß später nicht mehr, wie er nach Hause kam. Als seine Frau die Tür öffnet, schreit sie auf – sein Haar ist über Nacht weiß geworden. Tagelang spricht er kein Wort. Von seinem Begleiter, dem der stehengeblieben war, fehlt jede Spur. Er wird nie wieder gesehen. Es sind die Toten der Grube, sagt man. Männer, die bei einem der großen Unglücke ihr Leben ließen und seitdem nicht aufgehört haben, Schicht zu fahren. Nacht für Nacht kehren sie zurück an ihre Arbeitsstelle – und dulden keinen Lebenden, der zu lange hinschaut.
GGruben wie König, Heinitz und Dechen wurden zu mächtigen Zentren einer Arbeitswelt, in der Tausende Männer Tag für Tag in die Dunkelheit hinabfuhren. Unter Tage entstanden weit verzweigte Strecken, Schächte und Stollen, während über der Erde Fördertürme, Halden und Grubenanlagen die Landschaft veränderten. Die Kohle versorgte Industrie und Eisenwerk und machte den Bergbau zu einer der Lebensadern der Region. Doch die Arbeit blieb schwer und gefährlich, und kaum eine Bergmannsfamilie war frei von der Erinnerung an Unglücke und Verluste. Mit der Stilllegung der letzten Neunkircher Gruben bis 1968 endete eine Epoche – ihre Spuren sind jedoch bis heute sichtbar.

DDeshalb entstand rund um die Neunkircher Gruben ein Netz aus Gleisen, Anschlussbahnen und Transportwegen, das Schächte, Industrieanlagen und Bahnhöfe miteinander verband. Im Jahr 1850 setzte sich von Heinitz aus einer der frühesten Kohlenzüge der Region in Bewegung und machte die Eisenbahn endgültig zu einem Teil der Neunkircher Bergbauwelt. Tag und Nacht rollten Wagen durch Täler, Wälder und zwischen den Grubenanlagen hindurch. Mit dem Ende des Bergbaus verloren viele dieser Strecken ihre Aufgabe, manche verschwanden, andere blieben als stille Spuren in der Landschaft zurück. Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus verlassenen Gleisen, dunklen Wäldern und verschwundener Arbeitswelt, aus der Geschichten wie die vom Geisterzug ihre besondere Kraft beziehen.
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„Zwischen alten Mauern und vergessenen Pfaden warten Geschichten darauf, wiedergefunden zu werden.“
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